Europa Sicherheitspolitik

Hunger. Schmerz. Angst.

Rainhard Kloucek

5 Min. Lesezeit

Unter dem Titel „Ukraine at the frontline of European Security (Die Ukraine an der Frontlinie der europäischen Sicherheit)“ luden die ukrainische Botschaft, die ukrainische Vertretung bei den internationalen Organisationen in Wien, die Vorsitzende der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Österreich-Ukraine Henrike Brandstötter, die Pylyp Orlyk Stiftung und die Paneuropabewegung Österreich zu einer Expertenrunde ins Palais Epstein in Wien.

In einer ersten Diskussionsrunde berichteten die beiden ukrainischen Diplomaten Ihor Kharchkenko und Volodymyr Yelchenko (beiden haben in ihrer Karriere mehrere Vertretungen ihrer Heimat geleitet, Yelchenko auch in Österreich) über ihre Erfahrungen im Umgang mit dem großen Nachbarn Russland.

Kharchkenko merkte zum Thema der Veranstaltung an, dass es in Europa keine Sicherheit ohne Ukraine geben kann, Sicherheit aber wiederum ist die Voraussetzung für Stabilität. Die Erfahrung zeige, dass gegenüber Russland nur Stärke zähle. Jede russische Rakete, die von der Ukraine abgeschossen wird, kann kein Ziel mehr in Europa erreichen. Er beschäftigte sich in seinem Vortrag auch mit manchen Vorschlägen, die der Ukraine schon gemacht wurden oder wie sie manchen sehen (wollen). Darunter auch die Idee, die Ukraine könne so etwas wie eine Pufferzone zwischen Europa und Russland sein.

Dazu verwies er auf ein 1997 erschienenes Buch des amerikanischen Diplomaten Sherman Garnett, in dem dieser das Bild eines Torbogens bemühte, um die Stabilität und die Sicherheit in Europa zu erklären. Entscheidend für die Stabilität des Torbogens ist der Schlussstein. Garnett sah in einer unabhängigen und freien Ukraine exakt diesen Schlussstein für die Sicherheit Europas. Dass die Ukraine selber dazu bereit ist, habe sie auf verschiedene Weise gezeigt, unter anderem durch die Teilnahme an UN-Missionen wie jener in Bosnien.

Heute leiste die Ukraine diesen Beitrag zur Sicherheit durch die Abwehr der Aggression aus Moskau. Die Unterstützung der Ukraine durch den Rest Europas sieht Kharchkenko deshalb als Investition in die eigene Sicherheit. Die Zukunft sieht der erfahrene Diplomat in einer europäischen Armee, in der die ukrainische Armee mit ihrer Erfahrung eine Schlüsselrolle spielen kann.

Volodymyr Yelchenko verwies auf seine Zeit als Botschafter der Ukraine in Moskau vor der Krim Annexion. Als er damals zu Konsultation nach Kyiv beordert wurde, ging er von einem größeren kommenden Krieg aus. Nicht weil er sich als Prophet darstellen wollte, sondern weil er genau zugehört hatte, was in Moskau die Botschaften waren.

Von links: Die beiden Botschafter Volodymyr Yelchenko und Ihor Kharchkenko, der stellvertretende Botschafter der Ukraine in Österreich Oleksander Irkhin, Botschafter für die internationalen Organisationen Yuri Vitrenko und Henrike Brandstötter, Vorsitzende der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Österreich Ukraine (Neos).

Von links: Die beiden Botschafter Volodymyr Yelchenko und Ihor Kharchkenko, der stellvertretende Botschafter der Ukraine in Österreich Oleksander Irkhin, Botschafter für die internationalen Organisationen Yuri Vitrenko und Henrike Brandstötter, Vorsitzende der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Österreich Ukraine (Neos).

Als Diplomat wolle er die Aussage, dass jeder Krieg durch Verhandlungen ende nicht in Frage stellen. Derzeit gibt es aber nur Phantom-Verhandlungen. All die verschiedenen Gespräche haben zu keinen Ergebnissen geführt. Moskau beharrt nach wie vor auf seinen Maximalforderungen, inklusive der Übergabe aller annektierten (aber nicht eroberten) ukrainische Gebieten, einer Reduzierung der ukrainischen Armee, etc. etc. Das aber sei keine Verhandlungsposition sondern eine Aufforderung zur Kapitulation. In Wien als Sitz internationaler Organisationen sieht Yelchenko einen wichtigen Ort für eine mögliche Verhandlungslösung. Er verwies auch darauf, dass mit dem Wiener Kongress 1815 der Beginn für das Völkerrecht und damit die international Ordnung gelegt wurde.

In einem zweiten Panel ging es um die Behandlung von Kriegsgefangenen durch das Regime in Moskau. Dazu präsentierte der Journalist Mykhailo Dankanych eine Studie, die er aus Berichten ehemaliger Kriegsgefangener erstellt hat und mit den drei Worten betitelt: Hunger. Schmerz. Angst. Praktisch alle Kriegsgefangenen in Russland, egal ob Soldaten oder Zivilisten, leiden Hunger, im Schnitt verlieren sie 30 Prozent ihres Gewichts. Fotos von in die Ukraine heimkehrenden Kriegsgefangenen, die über einen Austausch frei gekommen sind, zeigen die ausgehungerten Körper.

Mit Schmerz spielt Dankanych auf die tägliche Folter an, die von Schlägen bis zu grausamen Elektroschocks reicht. Mit Angst umschreibt er den Psychoterror, dem die Ukrainer ausgesetzt. Dazu gehört unter anderem die Erzählung, dass die Ukraine längst nicht mehr existiere.

Ergänzt wurden diese nüchternen Zahlen aus einer Studie durch das persönliche Zeugnis von Arslan Annaiev, der zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft war. Ein Foto zeigt ihn direkt nach seiner Freilassung, mit einer Sonnenblume in der Hand, mit einem Lächeln über die wiedergewonnene Freiheit im Gesicht, und mit einem völlig abgemagerten Körper. Mittlerweile ist er wieder zu Kräften gekommen, und hat auch eine innere Stärke gewonnen, aus der heraus er – natürlich mit emotionalen Anzeichen – über seine Gefangenschaft erzählen kann.

Aufrecht gehalten hat ihn der Wille seine Familie wieder sehen zu können. Über die Folter erzählt er als tägliches Ritual. Er konnte bei den Elektroschocks seine eigene verbrannte Haut riechen, um nur eines der grausamen Beispiele zu nennen. Gefragt, was er in den Gesichtern der Folterknechte gesehen hat, erwidert er, dass sie immer vermummt waren, also nur die Augen und oft auch Hakenkreuztätowierungen sichtbar waren. Aber sie hatten eindeutig eine Freude oder Lust daran andere Menschen zu quälen.

Entscheidend, so die Schlussfolgerung aus dem Gespräch, ist, dass all diese Informationen immer wieder weitergegeben werden. Die Propaganda aus Moskau ist keine neue Erfindung, sie war bereits in der Zeit der Sowjetunion alltäglich, die Propagandisten leben oft in den Ländern der EU und sind bis in die politischen Parteien hinein vertreten. Mit Fakten und authentischen Berichten muss dieser Desinformation begegnet werden. Das war auch der Aufruf an die Besucher der Veranstaltung, diese Faktenberichte in ihrem persönlichen Umfeld weiter zu erzählen.

c Fotos: Olga Pysarenko

Über den Autor

Rainhard Kloucek

Rainhard Kloucek steht seit 2024 an der Spitze der Paneuropabewegung Österreich. Zuvor war er ab 1999 als Generalsekretär der Organisation tätig.